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Glücksspiel: EIN Feindbild gesucht – gefunden

von Prof. Mag. Dr. Gabriele Harecker, Wissenschaftlerin für Erziehungs- und Suchtverhalten

Im Zusammenhang mit der Aktion „Stoppt Novomatic“ der Grünen wird sich im August der „Künstler“ Man Lamy (akademischer Maler und Bildhauer aus Graz) in einem Käfig in Graz einige Meter über dem Hauptplatz „aufhängen“ lassen.

Er bezeichnet sich selbst als einen Romantiker und Realisten zugleich. Seine Arbeiten sollen umstritten sein, denn es ist schrecklich, dass die Menschen immer so viele Klischees im Kopf haben. Versponnene Bilder und liebliche Klischees erzeugen ein Sujet welches Grund für Blut und Boden ist. Er charakterisiert sich als besessenen Bildermacher, vermutlich „König der Besessenen“, seine Wahrnehmung ist multipel und diese Komplexität der Vielheit kommt in den Bildern zum Ausdruck. Ständige Wandelbarkeit ist Voraussetzung für seine Werke. Farbe befreit sich vom einengenden Gerüst der Konstruktion und bleibt dennoch Form. Soweit sein Statement auf dem „KulturServerGraz“.

Uns stellt sich in diesem Kontext die Frage, warum diese Aktion nicht etwa die Anprangerung des illegalen Glücksspiels zum Ziel hat sondern als fast pathologische Verfolgung einer einzelnen Firma – ausgerechnet des seriösen Glücksspielleitbetriebes Novomatic – erscheint. Aus welchem Grunde sich diese Agitatoren auf ein Feindbild – möglicherweise als „pars pro toto“ – beschränken, könnte wissenschaftlich erklärt werden… meist reicht aber auch schon eine laienhafte Erklärung, es bringt einfach mehr Publicity…

 

 

Der Spieltrieb des Menschen ist grundsätzlich ein natürliches Verhalten, denn vom (kindlichen) Spiel können Strategien und Konzepte erprobt und auf ihre Realitätstauglichkeit überprüft werden. Das spielerische Kräftemessen mit anderen liefert häufig Befriedigung. Spiele, die weniger von der Geschicklichkeit als vom Zufall abhängen, üben eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus.

Bei der Spielsucht handelt es sich immer um eine sich verselbständigte Handlungsweise. Ein Suchtpotential kann im Mangel an Kommunikations- und Konfliktfähigkeit, Kreativität und Selbständigkeit gesehen werden.

Glücksspielsucht ist eine Krankheit und bestimmt das Alltagsleben süchtig spielender Menschen. Besonders groß ist die Illusion, das Spiel kontrollieren zu können. Sobald mit dem Glücksspiel begonnen wird, verlieren die krankhaften Spieler die Kontrolle über ihr Spielverhalten. Problematisches Spielen führt zu einer verzerrten Wahrnehmung der eigenen Persönlichkeit und zur Flucht vor der Realität. Suchtverhalten kann aus psychodynamischer Sicht als Ablenkung vom eigentlichen Problem als Fixierung auf ein Feindbild beschrieben werden. Süchtiges Verhalten kann auch zu gewissen ‚Grenzerfahrungen‘ führen, die eine gewisse psychische Bedeutung erlangen.

Laut diagnostischer Leitlinien des pathologischen Glücksspiels wird die Spielsucht als Impulskontrollstörung bezeichnet. Andere Autoren sehen die Spielsucht als Zwangsstörung bzw. in einem Spektrum zwischen Impulsivität und Zwangsstörung.

 

Entwicklungsverlauf zum pathologischen Spielen
(Quelle: CliniCum – das Magazin für Führungskräfte im Krankenhaus, Sonderausgabe Dez. 2005, „Spielsucht – eine nicht stoffgebundene Abhängigkeit“).

 

Wie aus o.g. Tabelle ersichtlich, erzeugt Spielsucht in seiner letzten Phase auch Hass gegenüber anderen. Veränderte Wahrnehmungsmuster liegen dem Feindbilddenken zu Grunde. Selektive menschliche Wahrnehmungen, Meinungen von Interessengruppen und an Normen ausgerichtete Denkweisen, wie Klischees, Stereotypen und Vorurteile würden somit aufgrund Fixierungen auf zentrale menschliche Symbole und moralisch negativen Zuschreibungen einen Nährboden für die Ausgrenzungen des Fremden, Anderen und schließlich auch des so konstruierten Gegners führen, was so weit geht dass: Unter Umständen sogar „dessen fantasierte oder gar reale Vernichtung“ in Erwägung gezogen wird!

(Quelle: Franz Nuscheler: Braucht die Politik Feindbilder? In K. Hilpert/ J. Werbick-Hrsg.: Mit Anderen leben, Düsseldorf 1995, S 251f.)

Weil selektive Wahrnehmungen mit scheinbar unverhältnismäßigen moralischen Wertungen verbunden sein können, die erheblich zur Stabilisierung des Bildes vom wahrgenommenen Feind beitragen, wird auch die Moral selbst problematisiert. Das Expertenwissen beruht auf Thesen von Cicero, Augustinus und Thomas von Aquin.

Erkenntnistheoretische Ansätze der Feindbildforschung führen dazu, dem sogenannten ‚Halo-Effekt‘ (von engl. Halo – Heiligenschein) entgegen zu wirken. Denn dieser geistig – psychische Effekt bewirkt, dass “ Bei der Beurteilung von Menschen die Einzelurteile nach dem Positivem oder dem Negativen hin vereinheitlicht“ werden würde. Selektive Wahrnehmung wäre demnach mit Informationsverlust, Informationsverzerrung so wie mit der Einseitigkeit der Informationsauswahl verbunden.

(Quelle: Anne Katrin Flohr Feindbilder in der internationalen Politik. Ihre Entstehung und Funktion, Münster / Hamburg 1993, 47f.)

Der Psychoanalytiker Arno Gruen kam zu der Erkenntnis, dass „Die Grundkrankheit der Menschheit“ um jene Menschen kreisen würde, „die ihre Persönlichkeitsstrukturen nur durch Feindbilder aufrecht erhalten können.“ Das Besondere an dieser Formulierung ist, dass die Identitätsproblematik hier nicht nur an die eigene Person, sondern auch auf die persönlich als bedeutsam wahrgenommene ‚Welt‘ bezogen wird. In Zeiten von gesellschaftlichen Umwälzungen und Krisen verstärke, so Gruen, die veränderte Wahrnehmung Welt und der Zusammenbruch der eigenen Identität „das Bedürfnis nach dem Feind, wobei sich der so denkende und empfindende Mensch mit Enthusiasmus einer Autorität beuge, die das Feindbild zulässt.“

(Arno Gruen: Falsche Götter. Über Liebe, Hass und die Schwierigkeit des Friedens, Düsseldorf / Wien / New York 1991, S 29 ff.).

Sozialpsychologen bezeichnen diesen Vorgang auch als Sündenbockmechanismus.

Ein charakteristisches Kennzeichen von Wahrnehmungsmustern, die dem Denken in Feindbildern zugrunde liegt, ist zudem die mehr oder weniger strukturierte Ganzheit der negativen Vorstellungen, Einstellungen und Gefühle. Zwischen dem Denken und Fühlen existieren keine Widersprüche bzw. werden keine Widersprüche zugelassen. Auftauchende Widersprüche, Ambivalenzen und sogenannte Dissonanzen seien in der Fixierung auf selbst entlastende Ideologien und Mythen entweder nicht vorhanden oder werden ohne weitere Reflexionen zügig verdrängt.

(Quelle: Neville Symington: Emotionales Handeln. Das Gemeinsame von Religion und Psychoanalyse, aus dem Englischen von Brigitte Flickinger, Göttingen 1997, S.113.)

In der Forschung hat sich auch die These herauskristallisiert, dass existierende Vorurteile bewusst gegen eine Fremdgruppe benutzt werden, um die von einer vermeintlichen oder realen Benachteiligung betroffenen Akteure (z.B. Individuen, Gruppen, Firmen,…) von der realen Ursache ihrer Benachteiligung abzulenken und deren Frustration und die daraus resultierenden Aggressionen gegen ein klar definiertes Ziel zu richten.

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